Jedes Jahr wählt der Naturheilverein NHV Theophrastus die Heilpflanze des Jahres. Für 2026 ist es die Gemeine Nachtkerze (Oenothera biennis).

Wie ich finde, eine hübsche Pflanze mit relativ großen gelben Blüten, die erst gegen Abend ihre Blüten öffnet und mit ihrem Duft Nachtfalter anlockt.

Die zweijährige Pflanze stammt aus Amerika und hat erst im 17. Jahrhundert den Weg zu uns gefunden, sie ist also ein Neophyt. Im ersten Jahr bildet die Pflanze eine Blattrosette aus spitz zulaufenden Blättern mit einer deutlich sichtbaren Blattader. Die Blätter liegen flach auf dem Boden. Die Nachtkerze bildet eine dicke helle Pfahlwurzel.

Im zweiten Jahr bildet sich der meist unverzweigte Stängel. Dieser kann mehr oder weniger behaart sein. An dem Stängel befinden sich spitz zulaufende Blätter, die entweder direkt am Stängel sitzen oder einen kurzen Stiel aufweisen. An der Spitze bilden sich ab Juni viele Blüten. Jede Blüte – bzw. jeder Blütenstiel, wird am Stängel von einem Tragblatt umfasst. Die Kelchblätter sind nach unten gekrümmt. Die vier gelben Kronblätter öffnen sich zum Abend ziemlich schnell, das heißt, die Blüte öffnet sich innerhalb weniger Minuten und verwelkt am Tag darauf. Die vollständig geöffnete Blüte verströmt einen starken süßlichen Duft, der Nachtfalter und Schwärmer wie das tagaktive Taubenschwänzchen anzieht. Am Morgen, kurz bevor die Blüte verblüht, können wir noch Tagfalter und Bienen auf der Pflanze finden.

Die vielen Blüten, es können über einhundert im Laufe der Blütezeit sein, entwickeln sich zu Samenkapseln, die jeweils bis zu zweihundert Samen beinhalten. Das sorgt für eine starke Verbreitung dieser Pflanze.

Während das Öl, welches aus der Gemeinen Nachtkerze gewonnen wird, in der Kosmetik und in der Heilkunde relativ bekannt ist, sind die restlichen Pflanzenteile weniger bekannt.

Bleiben wir aber erst noch beim Nachtkerzenöl. Das Öl enthält große Mengen Linolsäure. Die Linolsäure ist eine essentielle Fettsäure, das heißt, wir müssen diese über die Nahrung zu uns nehmen. Aus der Linolsäure wird im Körper unter Beteiligung des Enzyms Delta-6-Desaturase die Zwischenstufe Gamma-Linolensäure (GLA) synthetisiert. Aus der Gamma-Linolensäure wiederum werden die in Entzündungsprozessen bedeutsamen Dihomogammalinolensäure (entzündungshemmend) und Arachidonsäure (entzündungsfördernd) gebildet. Wir finden Linolsäure als Bestandteil unserer Haut, sie dient dort der Schutzfunktion. Das Nachtkerzenöl wird vorwiegend bei der Behandlung von Neurodermitis eingesetzt. Es wird weiter bei Menstruations- und Wechseljahresbeschwerden angewendet. Die Heilwirkungen werden in der Naturheilkunde beschrieben und sind nicht durch Studien belegt.

In ihrer ursprünglichen Heimat Amerika haben die Ureinwohner die Blätter und die Wurzel als Nahrung genutzt. Die Wurzel wird auch Schinkenwurzel genannt, vor der Blüte geerntet sieht sie farblich wie Schinken aus.

Die Knospen lassen sich gut in Salzlake fermentieren und besitzen nach der Fermentation einen leichten schinkenartigen Geschmack.

Die Blüten sind essbar und lassen sich zum Beispiel mit Frischkäse füllen.

Ein weiterer Bereich, in dem die Nachtkerze genutzt wird, ist die Kosmetik. Hier liegt unser Augenmerk wieder auf dem Öl. Dies wird oft in Produkten gegen trockene, schuppige und juckende Haut als beruhigender Inhaltsstoff verwendet.

Von dem Nutzen der Gemeinen Nachtkerze abgesehen, steht sie in vielen Gärten als Zierpflanze und macht als diese – wie ich finde – ein tolles Bild.